Fallgeschichte: Abhängige Persönlichkeit

Um die abhängige Persönlichkeit zu verdeutlichen, lassen Sie mich folgende, fiktive Geschichte erzählen. Sie handelt von Steffi, die gerade von ihrem Freund verlassen wurde. Steffi ist eine ruhige, jüngere Frau, die nicht gern im Vordergrund steht. Im Gegenteil, sie ist introvertiert und kaum mit Selbstbewusstsein ausgestattet. Wenn man sie fragt, was sie will,  dann sagte sie eigentlich nur, was sie nicht will. Was sie will, kann sie aus dem eigenen Ich heraus nicht sagen. Bei Steffi wurde eine abhängige Persönlichkeit diagnostiziert. 

“Um versorgt zu werden und die Zuwendung von anderen zu erlangen, nehmen Menschen mit dieser Störung viele Einschränkungen in Kauf und übernehmen auch freiwillig ihnen stark unangenehme Tätigkeiten“ so Dr.Oliver Walter, ein wissenschaftlich orientierter Diplom-Psychologe.  

Doch ist die Störung bei Steffi noch viel tiefer. Sie muss um jeden Preis versorgt werden und dafür nimmt sie sogar häufig Schmach und Respektlosigkeit entgegen. Ungewollt tat ihr der Ex- Freund häufig verbal und körperlich weh und überschritt Grenzen, die er menschlich nie überschreiten wollte. Steffi nahm diese Attacken an, weil sie Angst hatte verlassen zu werden. Lieber eine schmerzende Beziehung als gar keine. Er schlug sie sogar. So wollte er aber nie werden und beendete die Beziehung. Jetzt ist sie allein.

Bei der abhängigen Persönlichkeit tritt ein Phänomen immer wieder auf: "Wenn sie allein ist, fühlt sie sich unwohl und beschäftigt sich oft mit der Angst, allein gelassen zu werden und selbst für sich sorgen zu müssen."¹ Deshalb findet Steffi auch innerhalb kürzester Zeit einen neuen Freund, an dem sie sich emotional aufgeben kann. 

Sie lernt schon nach ein paar Tagen Sascha kennen. Zwischenzeitig wohnte sie mehr bei einer Freundin als bei sich. Denn Steffi konnte nur schwer allein in ihren vier Wänden sein. Sie ist so überglücklich, dass sie Sascha kennengelernt hat. 

Sascha ist genau das Gegenteil von Steffi, eine starke Persönlichkeit und er weiß das Leben zunehmen. Das kommt  Steffi sehr zugute. Denn einer abhängigen Persönlichkeit fällt es schwer alltägliche Entscheidungen zu treffen. Es ist sogar so, das wichtige Lebensentscheidungen erst gar nicht angegangen werden. So hat sie sich auch ihre Wohnung nicht selbst besorgt und für eine Altersvorsorge konnte sie sich auch nicht entscheiden. Es ist ihr mehr als sehr recht, dass Sascha ihr alle großen Entscheidungen abnimmt. 

Für Steffi ist das Vertrauen zu sich selbst gestört. Dadurch hat sie nur bedingt eine Verantwortung für sich selbst. So war das auch schon immer bei Steffi, allerdings hat sie dieses Gefühl der Unfähigkeit im Alltag selbst nicht erkannt. 

Sie hat nie ihre eigenen  Bedürfnisse ausformuliert, viel mehr hat sie ihre Bedürfnisse immer anderen untergeordnet. Eine eigene strategische Lebensführung mit Zielsetzung und Zielstrebigkeit wurde von ihr nicht gewollt.

Doch das anfängliche Eingehen auf Saschas Wünsche wird für ihn zunehmend eine Qual. So beschließt Sie auf Saschas drängen eine Therapie zu machen. Doch wie stellt der  Psychotherapeut eigentlich eine abhängige Persönlichkeit fest? Er orientiert sich nach den Kriterien der klinisch-diagnostischen Leitlinien des  ICD-10,  der Weltgesundheitsorganisation (WHO) :

◆ Deutliche Unausgeglichenheit in der Einstellung und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen wie Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken sowie in der Beziehung zu anderen.

◆ Das vorläufige Verhaltensmuster ist andauernd und gleichförmig und nicht auf Episoden psychischer Krankheiten begrenzt.

◆ Das auffällige Verhaltensmuster ist tiefgreifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend.

◆ Die Störung beginnt in der Kindheit oder Jugend und manifestiert sich auf Dauer im Erwachsenenalter.

◆Die Störung führt zu deutlichem subjektiven Leiden, manchmal jedoch erst im späteren Verlauf.

◆ Die Störung ist meistens mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden.

Da Steffi noch relativ jung ist, kommt sie mit Hilfe des Psychotherapeuten  schrittweise an ihre Werte und ihre tiefsten Wünsche heran. Das befreit Steffi von ihrer Unterwürfigkeit und sie wird zunehmend glücklicher. Auch Sascha findet die Therapieerfolge, die Steffi in der Psychotherapie macht überwältigend. Denn nun haben beide die Möglichkeit ihre Beziehung liebend miteinander zugestalten. Es ist eine Beziehung auf Respekt und Anerkennung.


Anmerkung:

*Dr.Oliver Walter. Wobei sich Dr. Walter an die dependenten Persönlichkeit des amerikanischen Gesundheitssystems (DSM- 4) hält und nicht an das WHO- System. 

Zitat:

¹http://www2.uni-jena.de/erzwiss/projekte_2003/seidel_scholl/dependente.htm

Links: 

Dr.Oliver Walter: http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Psychische_Storungen/Persoenlichkeitsstoerungen/persoenlichkeitsstoerungen.htm#Dependente 

http://www.euro.who.int/de/home



Dazugehörige Begriffe: Abhängige Persönlichkeitsstörung, asthenische Persönlichkeit, asthenische Persönlichkeitsstörung, dependente Persönlichkeit, dependente Persönlichkeitsstörung,   Abhängige (dependente und asthenische ) Persönlichkeitsstörung ( F60.7 ), inadäquate Persönlichkeit, inadäquate Persönlichkeitsstörung, passive Persönlichkeit, passive Persönlichkeitsstörung, selbstschädigende Persönlichkeit, selbstschädigende Persönlichkeitsstörung, behindernde Persönlichkeit, behindernde Persönlichkeitsstörung